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Interview mit Otmar Rychlik bezieht sich überwiegend auf die Schwanzfotos Dieses Interview wurde an einem lauhen Sommerabend im Jahre 2003 im Garten von Otmar Rychlik in Gainfarn aufgezeichnet, später transkripiert und gekürzt.
Frank Gassner: Ich sag Dir jetzt schon, ich werde alles abschreiben. Otmar Rychlik: Nein, warum denn? Aber geh, gar net. Das kann man ja noch schön überarbeiten, so finde ich. Ich bin immer der, der alles schleift. F.G.: Wirklich? O.R.: Ja, ich schleife schon... ich stehe schon auf Einzigartigkeiten. Das Leben ist ja eh schon so überhäuft mit lauter Schas mittlerweile. F.G.: Die erste Frage O.R.: Ja F.G.: Die Schwänze und die Kunst O.R.: Du legst es gleich so groß an? So alles auf einen Punkt. Es ist natürlich, ich sehe ein Problem, daß durch die Kunst, die Schwänze gewissermaßen neutralisiert werden. Das ist ein Problem. Unlängst lese ich im Falter plötzlich –da gibt’es doch so eine kleine Glosse Sex – und da schreibt einer ganz cool, daß das etwas ganz Unterschiedliches ist, ob eine nackte Frau in der Sauna oder am FKK oder ob man sie selber im Bett hat. Und das finde ich irgendwie tragisch, daß man das so ohne weiteres sagt. Ich frage mich, was geht in dem Mann vor, der widerspruchslos so etwas denkt. Wenn ich mir so etwas denke, dann denke ich mir gleich, daß da ja irgendwas komplett schief läuft in mir. Weil ich das für richtiger hielte immer heftiger zu reagieren. Das ist natürlich das Problem, daß die Kunst so ein Spiegel ist und man hat sich schon daran gewöhnt, daß sie natürlich aus allem etwas anderes macht, dadurch, daß sie Kunst draus macht. Das ist mir eigentlich grad bei Schwänzen gar nicht so recht, irgendwie muß ich sagen, weil an den Schwänzen gerade das Nette ist, daß es eben Schwänze sind. F.G.: Ja, aber das hast Du immer. O.R.: Ja schon, das hat man immer, aber man hat ja nichts dagegen. F.G.: Das ist bei allem, was mit Kunst zu tun hat. O.R.: Aber meistens irritiert mich das nicht. Nur, daß Schwänze dann halt leider irgendwie und vor allem was werden sie dann? Reine Formen gewissermaßen. F.G.: Ja O.R.: Reine Formen gewissermaßen, reine Formen. Sind der Teil des Mannes, der gewissermaßen am beweglichsten, am veränderbarsten. F.G.: Aber trotzdem sind sie es ja nicht. O.R.: Was? F.G.: Ja, das was sie sind. Das sie Schwänze sind, daß sie Lustobjekte sind. O.R.: Sind sie es dann auch? F.G.: Ja natürlich. O.R.: Sind sie es? F.G.: Ich denke schon. Das ist so, wie wenn Du einen Akt malst, ist er ja immer noch ein Mensch. O.R.: Na ja, das ist ein gewisser Unterschied. F.G.: Auch wenn Du einen Engel oder irgend etwas malst. O.R.: Das ist schon ein Unterschied. Also Malerei ist ja überhaupt der große Unterschied, da eine Differenz zur Wirklichkeit besteht, die unübersehbar ist und die Malerei kann wirklich was dazutun. Die kann das noch deuten und auslegen und das kann dann ganz besonders unglaublich sinnlich werden. Und das war, glaube ich auch, immer oder in vielen Fällen eine Absicht der Malerei. Ich finde tatsächlich die Venus von Velaskes unvergleichlich erotisch. Ganz traumhaft. F.G.: Ich denke, daß sie damals, als es noch keine Fotografie gab, viel mehr das Erotische zeigten. Wenn man heute ein erotisches Bild machen will, wird man doch eher ein Foto machen, als ein Bild malen. [...] F.G.: Aber irgendwie waren diese Internetfotos doch Ausgangspunkt von meinen Fotos, weil ich mir auch gedacht habe: Scheiße, es muß doch irgendwie möglich sein, gescheite Schwanzfotos zu machen, als diese blöden Fotos. O.R.: Gescheitere, das ist ja schon das Problem. Das mag der springende Punkt sein, daß gerade der intellektuelle Schwanz vielleicht tatsächlich das Problem ist. Man hat es da vielleicht ganz gerne kopflos. Überhaupt wo die Amerikaner sagen „Give Head“: „Laß Dir einen blasen“. Und das finde ich sehr, sehr nett. Das finde ich ausgesprochen gut, weil unsere bierdeutschen Seelen irgendwie dann sofort wahrscheinlich ziemlich vertiefte Antwort geben würden. Das ist es. Also stellt sich mir das Problem, was da in Deinen Fotos eigentlich passiert. Sie sind eben nicht gemacht, um Partner zu werben. Wären sie mit der Absicht der Werbung gemacht, würde ich das merken oder man würde es merken. Das wäre eine ganz bestimmte Aussage und an der könnte ich mich reiben. F.G.: Glaubst Du nicht, daß es daran liegt, daß die Leute nicht drauf sind? O.R.: Was woran liegt? F.G.: Na, daß nur die Schwänze drauf sind. O.R.: Da sehen wir, daß in der Kunst die Konotation sozusagen alles ist. Es geht also gar nicht allein um das Objekt, sondern es geht gleichermaßen schon darum, wer es gemacht hat und unter welchen Umständen es auftaucht. Du arbeitest ja auch mit ganz leichten Verschiebungen. Diese Fotografie ist ja reich. Es gibt ja Abermillionen abfotografierte Schwänze, die jetzt überall herumgeistern und unter den verschiedensten Umständen wurden sie auch schon künstlerisch eingesetzt. Und das ist eben das Zeitalter des Kontextualität. Das ist ein guter Begriff, ich glaube den hat der Weibl geprägt, daß es eigentlich schon fast nicht mehr um das künstlerische Objekt geht, sondern um dessen Umstände. Und der Unterschied, ob das von einer Frau oder einem Mann gemacht ist, rückt das Ganze natürlich in eine völlig andere Welt. Ich glaube vor 20 Jahren hättest Du wahrscheinlich noch einige Attacken von feministischer Seite gehabt. Das glaube ich heute auch überhaupt nicht mehr. Und von heterosexueller Seite sehr und gewiß gleich heftig in Zweifel gezogen worden, ob das überhaupt Kunst sein kann. Und es wäre den meisten sehr schwer gefallen die Fotos ins Kunstfeld hinüber zu denken und zu transferieren. Während mir das heute kein besonderes Problem mehr scheint. Es gibt, glaube ich auch, doch schon eine gewisse Abgenütztheit. Es wurde in der Kunst seit Jahrzehnten wahnsinnig stark mit dem Körper gearbeitet. Da muß ich schon sagen, daß dem Aktionismus besonders vom Mühl da eine ganz bedeutende Position zukommt. Da wird schon phantastisch mit diesen Dingen gespielt und viel aufgemacht und auf den Tisch gebracht oder auf die Leinwand gebracht. Oder auf die Kinoleinwand oder die Filmleinwand. Ganz großartig. Da haben wir jetzt schon eine fast 50jährige Geschichte. F.G.: Aber trotzdem, daß der Schwanz doch immer ausgeklammert gewesen ist. O.R.: Nein, finde ich eigentlich nicht. Das kam stark aus heterosexueller Seite beim Mühl. Aber Du weißt welche Rolle er bei Nitsch spielt und bei Schwarzkogler, was ja fast ausschließlich männlich konjungiert ist am Anfang. [...] O.R.: Natürlich. Wie viele hast Du bis jetzt? F.G.: Na, 100 ungefähr. O.R.: 100? F.G.: Na rechne Dir doch aus, wie viele Fotos das sind.Ich brauche von jedem 2 Filme. Das sind 7200 Fotos. O.R.: Warum dieses Neutralitätsprinzip? Du hast jeden genommen, der sich gemeldet hat? F.G.: Ja O.R.: Also nicht selektiert? F.G.: Nein, nein, ich selektiere dann zwangsläufig bei den Fotos. Da gibt’s einfach Fotos, die sind so häßlich, wo der Schwanz einfach so schiach drauf ist. Die fliegen raus. Das ist dann das, wo ich als Künstler und Ästhet... [...] O.R.: Ja, wir umkreisen das ja. [...] F.G.: Ja, weil ja eben immer das die Reaktion ist der Leute, die sich damit auseinandersetzen. Es ist sozusagen die Reaktion, die ich immer wieder habe: Sie sind vollkommen unerotisch. O.R.: Nicht wahr? Was man jetzt könnte, wäre zu sagen, OK, offensichtlich ist so etwas wie die Pornographie bei Dir, bei Deiner Arbeit weitgehend ausgeblendet. Es geht um die Feststellung der Tatsache Schwanz. Nun würde ich sofort sagen, das gibt’s eben nicht. In jedem Foto müssen noch so und so viele andere Dinge eine Rolle spielen. Die klassischen Kriterien der Komposition des Bildes: Schwarzweißaspekte bzw. Helldunkelaspekte, überhaupt Farbaspekte, anderes Formales, wo es vielleicht weniger darum geht, ob der schlaff oder erregt ist. Also irgendwie wird aus dem Schwanz ein Gegenstand, der als künstlerisches Objekt agiert, funktioniert und mal ist es ein bißchen so wie von Rembrandt, andermal ist es eher so wie Jazz, meine ich. Wie Schwänze bei Rubens sind, kann ich mir nicht wirklich vorstellen. F.G.: Sie sind ja auch kaum auf wirklichen Gemälden oben. O.R.: Es fällt mir keiner ein, muß ich sagen. F.G.: Gemalt sind sie selten. Sie sind öfters in Stein gehauen. O.R.: In Stein gehaut, wenn nicht hinter Blättchen verborgen. Ja, gemalt sind sie selten und wenn sie gemalt sind, sind sie sehr, sehr klein. Dann werden sie äußerst zurückhaltend in Szene gesetzt. Etwas, was ja bedauernswerterweise schon die Antike tut. [...] F.G.: Wirklich? Na, ich finde schon, das wäre ganz eigenartig, wenn ich überhaupt keine steifen Schwänze dabei hätte. O.R.: Na, wie soll ich sagen? Steife Schwänze sprechen natürlich stärker eine Befindlichkeit aus. Solang der Schwanz schlaff ist, weiß man eigentlich nichts über ihn, außer, daß er nicht erregt ist. Wenn er erregt ist, weiß man immerhin, daß er das ist. Also er wird jetzt plötzlich auf etwas Bestimmtes hingetrimmt, was er so aber nicht ist. Ich finde das auch keineswegs als zwingendes Empfinden. Wenn jemand schöne Muskeln hat, muß er ja trotzdem dann nicht so machen. F.G.: Ja, da hast Du auch wieder recht. Für mich ist es so. Ich mach ja auch immer einen Film schlaff und einen erregt. O.R.: Aha, und da spielt jeder mit? F.G.: Die, die nicht mitspielen, fliegen raus. Nein, die fliegen nicht raus. Es hat bis jetzt eigentlich nur einer keinen Steifen bekommen. [...] F.G.: Aber ich nehme dann bei jedem ein Foto. Ich nehme von jedem, den ich fotografiere ein Foto. Zumindestens eins. Und so gesehen, habe ich da keine Bedenken. O.R.: Na ja, mir wäre es lieber, wenn es da überhaupt keine Kriterien gäbe, außer das Ästhetisches. Das wäre immerhin eines, daß Du sagst, ich schicke die Knaben auch wieder reihenweise weg, der Schwanz mir nicht schön genug ist. Mir geht es wirklich um eine Definition der Schönheit des Schwanzes. Wäre ja auch ein nettes Thema. Finde ich ganz toll. Ist irgendwie ja auch so eine Sache. Wäre der Rede und der Untersuchung wert, absolut. Das glaube ich schon. Das wird als ein schöner Schwanz empfunden. Könnte man da vielleicht nicht auch vielleicht etwas Neutralisierung für die Zukunft rausholen, daß man so freudig verallgemeinernd zu jemandem sagen kann: “Also ich muß schon sagen, Sie haben schon wirklich einen sehr schönen Schwanz.“ Das, das so wäre, wie wenn man zu jemandem sagt: “Sie haben sehr schöne Fingernägel“. Das kann man ja praktisch auch schon jedem sagen. Das wäre auch irgendwie nett, wenn man das könnte. Wäre auch schon ein Neutralisierungsphänomen. F.G.: Das wird nie sein. Weil das ja genau in diesem Zwischenspalt zwischen Erregung und sexueller Lust, die eben so variabel ist. [...] O.R.: Dann tun wir das auch. Das Ganze kann ja durchaus romanhafte Länge bekommen. Ich kann es mir gar nicht anders anschauen und nicht mal unter dem Aspekt der eigenen besonders großen Erregung, weil mir das alles schon viel zu geläufig ist und ich sagen müßte, daß mich Schwanzfotos – wurscht wie sie gemeint sind – nicht zu besonders...Ich brauche viel mehr Geschichte und Story und es wird schon so viel geboten, daß man das auch jederzeit bekommt. ...In der Welt, die gefüllt ist, mit teils sehr, sehr guter Pornographie, ist es echt schwer, so zu arbeiten, wie Du es tust und dann eben nicht noch besondere Anleitungen zu geben, ist durchaus problematisch. Zu sagen –gut ich fotografiere Schwänze – und dann habt´s es. Nun gut, das sind Schwänze und da haben wir sie. In Wirklichkeit tust Du ja eh was anderes. Nur Du gibst es ja noch nicht ganz zu. Es ist ja mit dem Schwänzefotografieren eben keineswegs getan, wie Du die ausstellst ist ja sehr wichtig, Und eigentlich ist ja das Kunstwerk, das Du machst, vielleicht eh dann erst die Ausstellung der Schwänze. Und da gehört überlegt, was Du damit machen kannst. Als ich die Fotos gesehen habe, kann ich mich Deiner Meinung nur anschließen. Leider war die Ausstellung sehr kurz. F.G.: Den Raum zu haben, wo Du mitten in den Schwänzen stehst, das ist einfach 100 und 1. O.R.: Das ist ja klar und das muß man auch unbedingt thematisieren. Weil dann wird, wenn es um Ausstellungen geht oder wo immer Deine Schwänze auftreten können, so wie jetzt an den Hermenpfeilern, dann plötzlich bekommt das eine Kontextualität. D. h. Du arbeitest wirklich mit den Schwänzen. Die Schwanzfotos wären an sich noch nichts. Schwanzfotos, ob jetzt aus der Pornographie genommen oder ob Du sie selbst fotografierst und ob sie steif oder nicht sind, sind eigentlich vollkommen wurscht, Hauptsache sie werden dann als Versatzstück eingesetzt in irgendwelche Zusammenhänge und dann wird es spannend. [...] F.G.: Das ist ja eigentlich das, was ich auch mache bei den Zeichnungen. Da ist ja einzig nur, da ist ja nur Schwanz drauf. O.R.: Da kann ich noch nicht reden darüber mit Dir. Da kenne ich noch zu wenig. Ich kenne nur die Abbildungen. Da muß ich einmal drüber reflektieren, da kann ich noch nicht. F.G.: Das ist einfach. Ich zeichne Schwanz, aber ja...das ist es noch nicht. Ich zeichne Schwanz und verwende einfach Schwanz als Motiv. Aber das ist noch nicht das Ende.
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